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SOMEDAY
MISTER PRINCE WILL COME
Harold Prince in der Neuköllner Oper. Ein skurriler
Gedanke. Und wieder eines dieser merkwürdigen „Wunder
von Neukölln“, die seit zehn Jahren in unserem
Hause alle möglichen Dinge zusammenzwingen, die
eigentlich nicht zusammenpassen und gerade darum so
irritierend vitale Funken schlagen. „The Grand
Old Man“ of American Musical setzt sich in die
U-Bahn Linie Sieben und steigt Karl-Marx-Straße
aus, um in der Neuköllner Oper einen Workshop
zu geben und zwei Tage aus seinem Leben zu erzählen.
Hätte mir das jemand vor zehn Jahren erzählt,
ich hätte es ihm nicht geglaubt.
Harold Prince: Wohl kaum ein Name ist mir auf meinem
Weg vom amerikanischen Musical zur Neuköllner
Sozialkomödie mit Musik öfter untergekommen.
Nahezu jedes Musical, daß mich beeindruckt hat,
jeder Komponist und Autor, von dem man gedacht hatte:
So möchte ich es auch irgendwann einmal können,
fast jede Produktion, die ein bißchen anders
als die anderen ist, ist mit diesem Namen verbunden.
Zuerst noch ohne Gesicht, mit dieser für deutsche
Ohren ungewöhnlichen Berufsbezeichnung „Producer“,
irgendwann faßlicher als Regisseur. Darunter
kann man sich schon mehr vorstellen. Und schließlich
als nicht mehr wegzudenkende Größe in der
Welt des Musicals. Denn das ist Harold Prince. Eine
nicht mehr wegzudenkende Größe in diesem
merkwürdigen Gerne, mit dem ich mich seit zwanzig
Jahren täglich herumschlage und aus dem ich zum
Glück bis jetzt immer noch nicht schlau geworden
bin.
Harold Prince kommt.
Die Nachricht frißt sich langsam durch die Neuköllner
Oper und durch die Universität der Künste,
wo Stanley Walden 1990 den Studiengang „Musical/Show“ gegründet
hat. In diesem Studiengang wird seit vierzehn Jahren
eifrig an der fast unmöglichen Synthese von amerikanischer
Leichtigkeit und deutschem Ernst gearbeitet, eine quasi
europäische Variante des uramerikanischen Genres
Musical.
Drei Wochen zuvor erst hatte der neueste Versuch zu
diesem Thema an der Neuköllner Oper seine Uraufführung
erlebt: „Panik Sound Club“: die Geschichte
der Neuberlinerin Mo, die sich durch ihre ersten zehn
Wochen in Berlin und ebensoviele merkwürdige Großstadtcharaktäre
schlägt, um am Ende zu merken, daß man verdammt
viel in Berlin schaffen kann, aber verdammt wenig davon
alleine.
Wer da an „Company“ denkt, denkt nicht
ganz verkehrt, und die Darsteller, allesamt Studenten
im vorletzten Jahr der Ausbildung, freuen sich, daß so
viele Menschen dieses düstere Stück sehen
wollen. Aber die eigentlich spannende Frage ist plötzlich
natürlich nur noch: Wird Harold Prince es auch
sehen wollen? Und vor allem: Was wird er sagen?
Das fragen sich nicht nur die Studenten. Komponist
Niclas Ramdohr und ich fragen uns das auch. Da kann
man noch so lange in Deutschland Musical machen, noch
so klar erkannt haben, daß Theater egal welcher
Provenienz immer nur funktioniert, wenn es für
den Ort gemacht ist, an dem es stattfindet, für
die Künstler, die es spielen und das Publikum,
daß es sehen und begreifen soll. Soviel haben
wir dann doch alle über den großen Teich
geschielt und versucht, über diese große
Distanz zu lernen, abzugucken, nachzumachen und auf
deutsche Verhältnisse zu übersetzen, daß man
doch gerne wüßte, was so ein Urgestein des
Genres zu unserem Angebot meint.
Wenn man sich in Deutschland mit dem Genre Musical
beschäftigt, sitzt man fast permanent in der Zwickmühle.
Das, was einen ursprünglich begeistert hat, was
einen dazu getrieben hat, diesen unmöglichen Job
zwischen Gesang, Tanz und Schauspiel anzutreten, waren
und sind immer noch amerikanische Vorbilder. Nur mühsam
hat man die europäischen Wurzeln dieses Genres
ausgemacht, ist mehr als einmal zähneknirschend
zurück auf Los gegangen und hat versucht, diese
Leichtigkeit für unsere Verhältnisse neu
zu erfinden. Ist daran gescheitert, hat auf den merkwürdigsten
Nebenschauplätzen seinen Goldklumpen gefunden
und ist auch noch im Jahre zwanzig nach Null so unwissend
und neugierig wie ein Anfänger.
Und jetzt wird Harold Prince kommen und aus dem Nähkästchen
plaudern. Da wird man endlich jemanden erleben, der
weiß, wie man‘s macht. Und wir werden wieder
schielen und lernen und nachmachen und dann endlich
wissen, wie es geht.
So ist es, Gott sei dank, nicht gekommen.
Erste Begegnungen
Die erste Musical-Schallplatte, die es 1980 in die
Flensburger Schallplattenläden geschafft hatte,
war „CABARET“. 1980 war ich vierzehn und
längst schon angefixt vom Musical durch das gute
alte ZDF und seine Nachmittagsreihe mit dem unnachahmlichen
Titel: „Des Broadways liebstes Kind“.
Aber dieses „Cabaret“ war anders als alles,
was sonst so über den Fernseher geflimmert war.
Es spielte nicht am Broadway, wo doch alle amerikanischen
Musicals spielen, sondern in Berlin. Die Geschichte
war viel zu ernst und für ein Musical viel zu
politisch, und wenn Joel Grey in die Kamera flüsterte: „Sie
sieht gar nicht jüdisch aus“, verschluckte
man sich vor Schreck, denn über dieses Thema machte
man keine Witze, das hatte man gut gelernt. Und wenn
bei „Hello Dolly“ und Fred Astaire der
beunruhigte Elternblick auf einem ruhte, was aus diesem
musicalbegeisterten Jungen bloß mal werden soll,
saß man bei „Cabaret“ plötzlich
in ganzer Familienrunde vor dem Fernseher und einhellig
wurde nachher genickt: Das sei ja mal ein richtig guter
Film.
Ein Jahr später Urlaub in Berlin. Ein Tagesausflug
mit der ganzen Großfamilie rüber in den
Osten, und Großmutter wird ganz weiß um
die Nase, daß sie jetzt einen ganzen Tag zu den
Russen soll. Abends in der Komischen Oper „Anatevka“,
in der legendären Felsenstein-Inszenierung, fast
zwanzig Jahre alt und angemessen mißtrauisch
sitze ich als fünfzehnjähriger selbsternannter
Theaterfachmann in der vierten Reihe. Das wird schon
was werden mit so einer ollen Kamelle.
Drei Stunden später kommt die ganze Familie heulend
aus dem Theater. Für drei Stunden waren wir nicht
in Berlin, sondern tatsächlich in Rußland.
Haben mit Tewje über seine Töchter geschimpft,
sind mit Hodel nach Sibirien gegangen und haben miterlebt,
wie ein ganzes Dorf seine Heimat verliert. Das soll
ein Musical sein? Meiner Großmutter ist egal,
was es ist, für sie war es einfach der schönste
Theaterabend ihres Lebens.
Und noch ein Familienurlaub, ein paar Jahre später
in London. Während der Rest der Familie die Kronjuwelen
in Angriff nimmt, bin ich nicht zu halten. Mit dem
festen Vorsatz, ein großer Musicalregisseur zu
werden, rase ich durchs Westend und dank der segensreichen
Einrichtungen der Matineen kann ich zwei Shows auf
einmal sehen. Das ist auch gut so, denn das meiste,
was ich sehe, enttäuscht mich.
Altmodische Bühnenbilder, die ich genauso vom
Flensburger Stadttheater kenne, viel Boulevardgelächter
und behäbiges Herumgestehe, dazwischen atemberaubende
Stepnummern und beeindruckende Bühnentechnik,
aber nichts paßt so richtig zusammen und ziemlich
dämlich finde ich die meisten Stücke auch.
„Follies“ ist anders. Die Bühne eine
staubige Baustelle, von dem Komponisten habe ich noch
nie etwas gehört, und was ein Follie ist, weiß ich
schon mal überhaupt nicht. Entsprechend skeptisch
sitze ich auf meinem viel zu teuren billigsten Platz,
hundert Meter Luftlinie zur Bühne, und bereite
mich seelisch auf die nächste halbe Enttäuschung
vor, und dann beginnt die Show.
Wo kommt plötzlich diese riesige Revuetreppe
her? Und darauf diese endlose Reihe von Stars, angekündigt
von einem Tenor, der singt wie Johannes Heesters. So
muß das damals im Admiralspalast gewesen sein.
Die Musik klingt wie früher, aber irgendetwas
stimmt nicht.
Die Girls auf der Treppe sind definitv nicht mehr zwanzig,
die Revuetreppe hat auf dieser Baustelle rein gar nichts
verloren, und plötzlich bin ich mittendrin in
dieser Geschichte über geplatzte Träume,
verpaßtes Leben und die böse Erkenntnis,
daß das Leben nur insofern eine Revuetreppe ist,
als das beide immer nur abwärts gehen.
Und diese traurige Geschichte wird erzählt mit
allen Mitteln des großen Musicals, mit Swing
und Step, riesigen Shownummern und tieftraurigen Balladen.
Drei Stunden lang erlebe ich einen der wenigen Theaterabende
in meinem Leben, die mich wirklich beeinflußt
haben, und mein letztes bißchen Restverstand
denkt nur noch darüber nach, wie man so was einmal
in Deutschland machen könnte: ein Vergangenheitsbewältigungs-Musical
mit all den Ufa- Überlebenden, die eine große
Treppe herunterkommen und davon singen, warum sie damals
das gemacht haben, was heute so schrecklich falsch
gelaufen ist. Das wäre doch mal eine andere Aufgabe
für Marika Rökk, als bei „Musik ist
Trumpf“ als Julischka über die Bühne
zu steppen.
„Cabaret“, „Anatevka“,„Follies“.
Drei sehr besondere Musicals. Natürlich nicht
die einzigen, die mich begeistert haben, aber drei
Theatererlebnisse, die mich beeindruckt, wenn nicht
sogar geprägt haben. Daß ich diese drei
Erlebnisse zu einem guten Teil demselben Mann zu verdanken
habe, wußte ich damals noch nicht. Und selbst,
als der Name Harold Prince immer öfter in irgendwelchen
CD-Booklets und Künstlerbiographien auftauchte,
habe ich mir wenig Gedanken darüber gemacht, welche
Funktion dieser dubiose „Producer“ bei
diesen Musicals wohl gehabt haben mag.
Einflußnahme
Wenn ich im folgenden darüber schreiben will,
wie Harold Prince meine Arbeit beeinflußt hat,
ist das im doppelten Sinne ein mittelbarer Einfluß.
Viele seiner Produktionen habe ich nur am Westend in
der englischen Fassung erlebt und kenne die Originalproduktionen
nicht.
Was diese Stücke auszeichnet, weiß ich.
Welcher Anteil an Innovationen davon Harold Prince
zuzuschreiben ist, kann ich als jemand, der das amerikanische
Produzententheater lediglich aus Büchern kennt,
nur vermuten. Ich glaube, es ist ein sehr großer
Teil.
Als Ergebnis dieses mittelbaren Einflusses kann ich
nur meine eigene Arbeiten und Erfahrungen ins Feld
führen kann. Dabei muß ich zugeben, daß viele
der Dinge, die wir in den letzten zehn Jahren an der
Neuköllner Oper erfunden und entwickelt haben,
sehr intuitiv und oft auch aus der Not heraus entstanden.
Aber immer wieder hat es mich überrascht, wie
oft wir in unseren Produktionen auf ähnliche künstlerische
Probleme gestoßen sind, wie sie Harold Prince
in seinen biographischen Erinnerungen anspricht. Und
nicht selten hat mich diese Ähnlichkeit der Themen
darin bestätigt, daß wir auf dem richtigen
Weg sind.
Diese Einflußnahme „per Nachnahme“ darf
man nicht unterschätzen: Es liegt ein großer
Trost darin zu wissen, daß jemand vor einem mit
den gleichen Problemen zu kämpfen hatte. In Harold
Princes speziellem Fall geht diese Einflußnahme
aber noch weiter. Seine Biographie ist eine gelebte
Aufforderung, auch dann unverdrossen weiter zu machen,
wenn der erhoffte Erfolg einmal ausbleibt. Und nicht
zuletzt macht mir diese zeitverschobene Parallelität
Hoffnung, daß es uns (mit fast fünfzig Jahren
Verspätung) doch noch gelingen könnte, ein
authentisches deutsches Musical zu erfinden.
Musical made in Germany
Um diesem Ziel näherzukommen, gilt es, Harold
Princes Werk darauf abzuklopfen, welche seiner Arbeitsweisen
und künstlerischen Wege für uns auf Deutschland übertragbar
sind und welche andererseits für uns nicht gelten
können, weil sie entweder in unserer Theaterlandschaft
nicht praktikabel oder immanent auf den amerikanischen
Kulturkreis zugeschnitten sind. Daß diese Fragestellung
teilweise am Beispiel der Neuköllner Oper abgehandelt
wird, mag im Größenvergleich etwas grotesk
anmuten: Der gesamte Broadway im Vergleich zu einem
250-Plätzehaus in einem Berliner Arbeiterbezirk.
Aber eine Gemeinsamkeit gibt es dann doch. Die meisten
erfolgreichen Musicaluraufführungen in Amerika
hat Harold Prince produziert. In Deutschland ist das
die Neuköllner Oper.
Wenn man sich die Frage stellt, warum es in Deutschland
mit dem Schreiben von Musicals nicht so recht klappen
will, kommt man ziemlich schnell zu der einfachen Einsicht,
daß das Musical ein zutiefst angloamerikanisches
Genre ist und demzufolge auch nur Menschen aus diesem
Kulturkreis den nötigen Horizont besitzen, auf
diesem Gebiet überhaupt Neuland zu vermuten.
Wer tief im Tal zwischen „Cats“, „Phantom
der Oper“ und „Les Miserables“ sitzt,
muß wohl erst einmal auf den Berg hinaufsteigen,
um überhaupt auf die Idee zu kommen, daß es
hinter den jetzigen „Großmusicals“ noch
Länder zu erobern gibt. Deutschland müht
sich nach Kräften, auf diesen Berg zu kommen,
und mit „Elisabeth“ waren wir schon fast
einmal auf einem solchen Gipfel. Leider steht da auch
schon ein amerikanisches oder britisches Fähnchen
und lacht uns ins Gesicht. Brav haben wir das gemacht,
und oben angekommen sind wir auch irgendwie. Aber die
Ersten auf dem Berg waren wir definitiv nicht.
Nicht umsonst ist das einzige wirklich erfolgreiche
deutsche Musical „Linie 1“, die keine Zeit
damit verschwendet hat, sich auf den ausgetretenen
internationalen Aufstieg zu machen, sondern sich sehr
frech ihren eigenen U-Bahn-Tunnel quer durch die letzten
zwanzig Jahre deutscher Geschichte gefressen hat. Und
siehe da: Licht am Ende des Tunnels, wo es keiner erwartet
hat. Durch welchen Tunnel ist Harold Prince gefahren,
als er Company „entdeckt“ hat?
Der Künstler als Produzent
Natürlich könnten die Verhältnisse
gar nicht verschiedener sein: Wir befinden uns hier
und heute in einer bedrohten Theaterlandschaft ohne
jede Bereitschaft zum finanziellen Risiko, für
die das Musical allenfalls der zähneknirschend
auf den Spielplan gesetzte Kassenfüller bedeutet.
Das war 1950 in New York noch anders: Als Harold Prince
vor fünfzig Jahren antrat, das amerikanische Musical
zu revolutionieren, war der Broadway eine noch funktionierende
Theaterindustrie, das Bookmuscial auf der Höhe
seiner Zeit, und neue Stoffe wurden eifrig gesucht
und mit etwas Glück relativ billig produziert.
Harold Prince sagt selbst über die damaligen
Verhältnisse, daß es leichter war, ein Musical
zu produzieren, und daß er sich nicht sicher
ist, ob es ihm unter heutigen Umständen noch einmal
gelänge, so mutige und innovative Projekte auf
den Weg zu bringen. Aber diese Überlegung ist
insofern müßig, als daß sie kaum nachprüfbar
ist. Ausschlaggebender ist für mich die Tatsache,
daß Harold Prince den Mut gehabt hat, diese innovativen
Projekte zu wagen, und dieser Mut muß damals
ganz beträchtlich gewesen sein.
Denn bei allen Unterschieden gibt es doch einige
Parallelen zu unserer heutigen restriktiven Situation: Ähnlich
wie wir heute ehrfürchtig erschlagen vor den
allgegenwärtigen, unendlich spielenden Großproduktionen
stehen und nicht wissen, wie wir nach „Les
Mis“ und Co weitermachen sollen, dürfte
Harold Prince sich damals überlegt haben, was
nach Rodgers und Hammerstein überhaupt noch
kommen könnte.
Die Position dieses legendären Teams dürfte
im Sektor „ernstzunehmendes Musical“ ähnlich
martkbeherrschend gewesen sein wie die von Andrew Lloyd
Webber vor zehn Jahren. Daß Harold Prince als
Produzent nie versucht hat, auf diesem Erfolgsweg weiterzugehen,
ist eines seiner großen Verdienste und könnte
uns einiges darüber erzählen, wie neugierig
und mutig man sein muß, um in ein so schwerfälliges,
weil kompliziertes Genre wie das Musical eine Bresche
zu schlagen.
Es ist sicher nicht so gewesen, daß alle Welt
auf die „West Side Story“ gewartet hat.
Obwohl Bernstein als Komponist nach „On the Town“ und „Wonderful
Town“ gut am Broadway eingeführt war, wollte
dennoch kein Produzent sich an ein Stück wagen,
daß den ersten Akt mit zwei Leichen beendet und
das bis auf die beiden Nummern „America“ und „Officer
Krupkin“ völlig frei von Humor ist.
Die Entscheidung, das Stück sehr realistisch
mit jungen, unbekannten Darstellern zu besetzen, war
für Broadway-Verhältnisse revolutionär,
und wenn man bedenkt, daß sogar der große
Richard Rodgers zähneknirschend die immer etwas
zu tief singende Gertrude Lawrence für „The
Kind and I“ akzeptierten mußte, um einen
Star in der Show zu haben, kann man sich in etwa vorstellen,
welche Kämpfe Prince ausstehen mußte, um
dieses ambitionierte Werk mit seinem „All-Non-Star-Cast“ bei
seinen Finanziers durchzubringen. Der Lohn der guten
Tat: Der Tony 1956 ging nicht an die „West Side
Story“, sondern an den „Music Man“,
einem Musical, das noch heute gerne in amerikanischen
Highschools gespielt wird, wo es meiner Meinung nach
bestens aufgehoben ist.
Ob wir hier in Deutschland heute mit ähnlichen
Schwierigkeiten zu kämpfen haben, ein düsteres,
politisches und sozialkritisches Stück an einem
Theater unterzubringen? Man sollte es eigentlich nicht
glauben: Der kulturkritische Auftrag unserer hochsubventionierten
Theaterlandschaft wird immer wieder händeringend
beschworen, das Schauspiel im Vergleich hat weiß Gott
keine Berührungsängste, politische Themen
anzufassen, und Zuschauerauslastung ist bei uns bis
an die Schmerzgrenze zweitrangig.
Dennoch kann ich aus eigener Erfahrung sagen, daß ich
mit einem Stück wie „Der Spielverderber“,
einer Backstage-Geschichte, die im Dritten Reich angesiedelt
ist, hierzulande die allergrößte Mühe
hatte, es unterzubringen. Ein musikalisches Format,
daß wie „Kiss me Kate“ funktioniert,
aber gleichzeitig die Schrecken des NS-Terrors thematisiert? „Unmöglich,
geschmacklos, nicht angemessen“, das sind noch
die mildesten Kommentare, die man sich in einem solchen
Fall anhören darf. Und natürlich immer wieder
das Totschlagargument: „Musical kann so etwas
nicht leisten“.
Kann es natürlich doch. In diesem Fall hat daran
nur die Neuköllner Oper geglaubt, und so kam es
zu meiner ersten Begegnung mit diesem Haus, und „Der
Spielverderber“ konnte endlich erfolgreich über
die Bühne gehen. Alte Ufa-Stars erinnern sich
an damals, kommen eine große Revuetreppe hinunter
und steppen sich durch eine Geschichte, die einen von
ihnen am Ende das Leben kosten wird. Die Idee dazu
hatte ich mir sechs Jahre vorher bei „Follies“ geklaut.
Vielen Dank dafür, Mister Prince.
Was aber hindert unsere heutigen „Produzenten“ daran,
eine ähnliche Risikobereitschaft an den Tag zu
legen wie Harold Prince vor nunmehr fünfzig Jahren?
Man möchte Ihnen fortwährend zurufen: „Traut
euch doch mal!“ - wenn es nicht so zeitaufwendig
und nutzlos wäre.
Harold Prince hat einen anderen Weg beschritten: Anstatt
Produzenten mühsam zu überzeugen, ist er
einfach selber einer geworden. Diesen Weg kann ich
aus eigener Erfahrung nur empfehlen. Ob es bei Harold
Prince dieselbe Not war, sich für diesen Weg zu
entscheiden, kann ich nicht beurteilen. Immerhin sagt
er selbst von sich, er sei nur Produzent geworden,
um inszenieren zu dürfen. So explizit kann ich
das von mir nicht behaupten, aber ich weiß, daß „Das
Wunder von Neukölln“, die Geschichte von
einem mongoloiden Kind, das zu einer nationalen Berühmtheit
avanciert, nirgendwo sonst produziert worden wäre
als in der Neuköllner Oper. Und dort auch nur,
weil ich mittlerweile als ein Mitglied des Direktoriums
mit über die Gelder verfügen durfte.
Auch hier haben wir an der Neuköllner Oper eher
unfreiwillig eine amerikanische Situation „nachgespielt“,
von der ich erst im Nachhinein begriffen habe, daß sie
ziemlich genau der Position eines klassischen „Producers“ entspricht.
Ein Mensch, der genau an der Nahtstelle von künstlerischem
Wollen und Verfügbarkeit der Produktionsmittel
sitzt und damit auch riskantere Projekte durchsetzen
kann. Wenn diese Position, wie im Falle Harold Prince,
visionär besetzt ist, ist das ein Glücksfall
für das Theater. Diese Situtation kann man natürlich
nicht erzwingen. Aber man darf sie sich wünschen.
Es hat natürlich eine gewisse Logik, daß dort,
wo ein einzelner Künstler sich bereit erklärt,
sich finanziell und organisatorisch mitzuverantworten,
sein Einfluß und damit seine Gestaltungsmöglichkeiten
wachsen. Damit wächst in gleichem Maße die
Chance, daß wirklich künstlerisches Neuland
betreten wird. Das war bei Offenbach und seinen Bouffes
Parisienne nicht anders als bei Richard Rodgers, der
sich in den vierziger Jahren ebenfalls größtenteils
selbst produzierte, und das gilt ebenso für Volker
Ludwig mit „Linie 1“ wie für die Neuköllner
Oper.
Weitergedacht für deutsche Verhältnisse
hieße das weniger ein Ruf an die Produzenten,
sich mehr zu trauen, sondern viel eher eine deutliche
Aufforderung an die Künstler, sich an die Produktionsmittel
heranzuwagen. Das ist eine mühsame und nicht immer
erfreuliche Aufgabe. Harold Prince hat selbst oft genug
betont, wie anstrengend er die Produzentenarbeit findet.
In seinem Fall hat sich die Mühe mehr als gelohnt.
Das liegt natürlich an seiner Beharrlichkeit,
mit der er künstlerische Ziele auch gegen Widerstände
durchgesetzt hat. Daß diese Widerstände
sehr real gewesen sein müssen, kann man sich vorstellen.
Bis ins welche Detail diese Widerstände gehen
können, ist für europäische Künstler
dahingegen fast unvorstellbar. Der Kampf um den letzten
Satz des Conferenciés in der berühmten „Affennummer“ aus „Cabaret“ ist
ein Interessenkonflikt von Kunst und Geld, wie er so
nur am Broadway vorstellbar ist.
Wie schwer es ist, diesen Widerständen in realitas
zu begegnen, vergißt man leicht. Manch einer
wird denken, mit einer „West Side Story“ auf
dem Tisch hätte er auch die Kraft gefunden, ein
so vielversprechendes Projekt durchzuboxen. Harold
Princes Qualtität liegt aber vielmehr darin, auch
die „Merrily we roll alongs“ durchzustehen,
und nach jedem Flop dennoch unangefochten weiterzumachen.
Und eine seiner größten Qualitäten
dürfte sein, sich zu gegebener Zeit auch einmal
von einem künstlerischen Ziel zu verabschieden.
Der letzte Satz im „Affensong“ wurde in
der Uraufführung auf Harold Princes Entscheidung
hin bis zur Unkenntlichkeit entschärft. Das hat
Harold Prince damals persönlich entschieden, und
das ganz sicher gegen den Künstler in ihm. Genauso,
wie er entschieden hat, den Satz in demselben Moment
wieder hineinzunehmen, indem er es als Produzent verantworten
konnte.
Diese Fähigkeit zum dualen Denken zeichnet Harold
Princes Arbeit häufig aus und begegnet uns in
vielen seiner künstlerischen Entscheidungen. Wie
er es schafft, gleichermaßen an beiden Tischenden
zugleich zu sitzen und mit sich selbst darüber
diskutiert, was die Kunst darf und was das Geld verlangt,
wird wohl sein Geheimnis bleiben. Daß diese Diskussion
ob ihrer kurzen Wege sehr schnell und effektiv geführt
wird, darf man annehmen. Daß sie der Kunst immens
genutzt hat, ist offensichtlich.
Der Produzent als Künstler
Jede Kunstform wird geprägt von den Sachzwängen
und wirtschaftlichen Bedingungen, unter denen sie entsteht.
Das mag die Kunst gar nicht gerne hören, behauptet
sie doch stets
ihre angebliche Unabhängigkeit und legt viel Wert
darauf, nicht bestechlich zu sein. Daß das Eine
mit dem Anderen wenig zu tun hat, wird in Deutschland
gerne vergessen. Mehr noch, die deutsche Theaterlandschaft
fordert mittlerweile fast schon traditionell einen
großen finanziellen Spielraum, um die Freiheit
der Kunst garantieren zu können. Das führt
hierzulande zugegebenermaßen zu viel künstlerischer
Freiheit, aber nicht zwangsläufig zu Kunst. Manchmal
beschleicht einen das Gefühl, die Wechselwirkung
könnte sogar genau umgekehrt sein.
Das amerikanische System entläßt seine
Künstler wesentlich widerwilliger aus der finanziellen
Verantwortung. Für europäische Verhältnisse
sind die künstlerischen Kompromisse, zu denen
ein amerikanischer Autor zugunsten einer erfolgreichen
Show gezwungen werden kann, häufig beängstigend.
Der Druck, den Finanziers und Produzenten auf die ausführenden
Künstler ausüben, ist immens. Und nicht immer
führt dieses große Mitspracherecht zu dem
erwünschten Erfolg. Meistens führt es direkt
in den Mainstream. Doch manchmal schaffen es finanzieller
Druck und eben diese Mitverantwortung am Erfolg des
Produkts, die Kunst aus ihrem Elfenbeinturm herauszulocken.
Wenn dies gelingt, ohne die Kunst zu beschädigen,
ist das ein sehr besonderer Moment. Harold Prince sind
sehr viele dieser Momente gelungen.
Daß sie ihm gelungen sind, liegt zu einem guten
Teil in der Tatsache begründet, daß Harold
Prince beides ist: Produzent und Künstler. Daß eine
solche Kombination für die jeweilige Produktion
und damit für die Kunst ein Segen sein kann, haben
wir eben festegestellt. Aber man kann noch weiter gehen:
Daß der Regisseur Harold Prince von seinen Erfahrungen
als Produzent auch künstlerisch profitiert hat.
Im Idealfall erzählt uns Kunst in überhöhter
Form von der Welt, in der wir leben. In seiner Funktion
als Produzent dürfte Harold Prince mehr Kontakt
zu eben dieser Welt gehabt haben, als ihm manchmal
lieb gewesen ist. Die Welt der Finanziers und Broadwayproduzenten
muß nicht unbedingt ein reales Abbild unseres
Alltags sein, aber als extremer Ausdruck einer kapitalistischen
Leistungsgesellschaft kann sie allemal hingehen. Ich
glaube, es kommt nicht von ungefähr, daß Harold
Prince zu Beginn seiner Karriere mit „Flora,
the Red Menace“ und „The Pajama Game“ gleich
zwei Musicals aus dem Gewerkschaftsmillieu produziert
hat, in beiden Fällen mit deutlicher Sympathie
für die Welt der Arbeiter. Die Zustände,
die er in diesen beide Musicals beschreibt und kritisiert,
waren ihm auf anderer Ebene mehr als geläufig.
Die Welt der Arbeiter dürfte ihm ansonsten nicht
besonders vertraut gewesen sein. Für den Sproß einer
großbürgerlichen Familie, der bis zur Wirtschaftskrise
mit Kindermädchen aufwachsen darf und seit seinem
sechzehnten Lebensjahr nichts als Theater im Kopf hat,
ist die politische und sozialkritische Themanwahl in
seinen Musicals eher überraschend. Aber ein bürgerlicher
Blick hat schon immer kritischer auf soziale Mißstände
geschaut als die Betroffenen selber. Das war bei Karl
Marx nicht anders als bei Bertolt Brecht, dessen angeblichen
Einfluß Harold Prince immer wieder von sich weist.
Vielleicht ist es ganz einleuchtend, daß erst
eine großbürgerliche Allgemeinbildung erlaubt,
proletarische Mißstände in Worte oder in
Kunst zu fassen.
In der Welt der Proletarier hat sich Harold Prince
wohl kaum bewegt. Aber er dürfte in seiner Tätigkeit
als Produzent viele der Erfahrungen gemacht haben,
von denen er später in sublimierter Form auf der
Bühne erzählt. Und er kann darüber so
aufrecht erzählen, weil er schwierigen Situationen
und Produktionsbedingungen nicht aus dem Weg gegangen
ist, sondern sie künstlerisch benutzt hat.
It’s a real world...
Daß schwierige Produktionsbedingungen der Kunst
nicht unbedingt schaden und sie häufig sogar stärken,
ist ein Allgemeinplatz. Wir alle trauern der künstlerischen
Vitalität der goldenen zwanziger Jahren nach und
wissen um die Bedeutung des Theaters in der DDR. Merkwürdigerweise
entziehen wir uns den kapitalistischen Produktionsbedingungen
auf eine eskapistische Art und Weise, die manchmal
vermuten läßt, wir möchten von der
Welt, in der wir leben, möglichst wenig wissen.
Das mag unser gutes Recht sein, für die Kunst
ist diese Entwicklung nicht ungefährlich.
Ich glaube, es kommt nicht von ungefähr, daß es
in Deutschland an Ideen für neue Musicals vielleicht
nicht mangelt, daß aber neunzig Prozent dieser
Ideen historische Themen behandeln oder gleich in Mittelerde
spielen. Das ist zwar noch nicht ganz so fatal wie
in der modernen Oper, die sich mittlerweile ausschließlich
mit dem Orpheusmythos und Shakespearebearbeitungen
zufrieden gibt, aber von einer heutigen Stoffwahl sind
wir in beiden Fällen weit entfernt.
Harold Prince hat in seiner langen Karriere kaum einen
eskapistischen Stoff angefaßt, und die meisten
seiner Werke spielen im Hier und Heute. Das ist eine
ebenso lapidare wie sensationelle Feststellung, und
wenn es etwas gibt, womit Harold Prince nicht nur mich
sondern mittlerweile zwei Generationen von Musicalmachern
beeinflußt hat, dann ist es genau diese Entscheidung.
Der Gattung Musical die Fähigkeit zuzutrauen,
unsere heutige Welt abzubilden. Und mehr noch: Ihr
diese Fähigkeit immer wieder abzufordern.
Politik auf der Bühne
Laßt uns ein Musical machen! Über das Dritte
Reich! Über den Faschismus in Argentinien! Über
die Progrome in Rußland! Das wird lustig!
Nicht? Nein, wahrscheinlich nicht. Und man kann sich
vorstellen, was die Produzenten von „My Fair
Lady“ und „Hello Dolly“ zu einem
solchen Vorschlag gesagt hätten. Aber soweit muß man
gar nicht gehen. Fragen Sie einen deutschen Intendanten,
ob er bereit ist, eines dieser Themen auf die Bühne
zu bringen. Kein Problem, wird er sagen. Als Musical?
Nie im Leben.
Wie mutig Harold Prince in seiner Themenwahl war,
merkt man erst, wenn man die Plots auf ihren Kern reduziert.
Kein Mensch macht sich heute noch Gedanken darüber,
ob „Cabaret“, „Evita“ und „Anatevka“ riskante
Unternehmungen waren. Der Erfolg in mittlerweile dritter
Generation rechtfertigt nachträglich jedes Risiko.
Aber selbst heute noch heißt es oft genug: Erfolgreich
trotz dieser schwierigen Themen. Umgekehrt muß es
heißen: Erfolg wegen dieser schwierigen Themen.
Und vor allem Erfolg in Deutschland.
Dennoch wagen wir uns hierzulande nicht in ähnlicher
Form an dieses Gerne heran. Das ist auf eine Art schon
fast abstrus. Harold Prince hat uns mehr als einmal
bewiesen, daß das Musical diese Themen erzählen
kann, ohne oberflächlich oder verfälschend
zu werden. Und im Gegensatz zu vielen anderen amerikanischen
Musicals kann man sich von dieser Tatsache täglich überzeugen. „Cabaret“ und „Anatevka“ gehören
zum festen Repertoire jedes deutschen Stadttheaters,
und „Evita“ tourt in sechsmonatigen Zyklen
durch die ganze Bundesrepublik.
Trotzdem erwächst daraus keinerlei Erkenntnis
seitens der Macher und Intendanten, auf diesem von
Harold Prince eingeschlagenen Weg weiterzugehen. Deutsches
Musical heißt schwerpunktmäßig immer
noch amüsanter Liederabend. Etwas tiefer gehängt
in Form der allgegenwärtigen Fünfzigerjahrerevue
und etwas höher gehängt fabriziert von Franz
Wittenbrink.
Woher kommen diese deutschen Berührungsängste?
Zugegeben, das musikalische Unterhaltungstheater ist
1930 bei der eskapisitischen Revueoperette stehengeblieben,
bevor das Genre von den Nazis rücksichtslos korrumpiert
und zu Propagandazwecken übel mißbraucht
wurde. Das Erbe dieser Vergewaltigung ist ein unheiliges
Mißtrauen gegen alles, was sich im Vier-Vierteltakt
bewegt, und dieses Mißtrauen ist aus deutscher
Sicht auch durchaus berechtigt.
Darüber hinaus kennen wir hierzulande bis auf
die „Dreigroschenoper“ kein kritisch unterhaltendes
Theater, das mit Mitteln der Musik politische Inhalte
transportiert.
Aber immerhin: Die „Dreigroschenoper“ wird
oft genug als Meilenstein deutscher Theatergeschichte
bezeichnet. Was hindert uns daran, von ihr einen Bogen
zu schlagen zu „Cabaret“ und vielleicht
sogar zu „Evita“, um mit Hilfe dieses Importwissens
vielleicht wieder an eine Entwicklung anzuknüpfen,
die wir vor über fünfzig Jahren so gründlich
und tödlich unterbrochen haben?
Importkultur
Neben Scham und gekränkter Eitelkeit mag dabei
auch ein gewisser nationaler Stolz mitschwingen. Wir
lassen uns doch nicht von so ein paar amerikanischen
Kulturimperialisten vormachen, wie man Theater macht?
Daß dieser dumme Nationalstolz in der Kunst nichts
zu suchen hat, sollte eigentlich selbstverständlich
sein. Harold Prince ist da wesentlich intelligenter.
Einer der Gründe, daß Harold Princes Werke
in Europa überdurchschnittlich präsent und
erfolgreich sind, ist seine Integrationsfähigkeit
europäischer Theatertraditionen. Seine Werke sind
uns auf eine eigentümliche Art vertraut, wir können
sie besser lesen als viele andere Musicals. Seine Erzählweise
ist im besten Sinne international, und das dürfte
ein wichtiger Grund für seine weltweit marktbeherrschende
Stellung sein.
Ohne jede Berührungsängste hat Harold Prince
die europäischen Theatertraditionen durchforstet
und alles ausprobiert, was ihm für die jeweilige
Produktion nützlich erschien.
Von Brecht/Weill in „Cabaret“ über
asiatisches Theater in „Pacific Ouvertures“ bis
zum großen Illusionstheater des 19. Jahrhunderts
in „Phantom of the Opera“ spannt sich sein
künstlerischer Bogen, was ihm häufig genug
entweder den Vorwurf der Beliebigkeit oder die Frage
nach seinen künstlerischen Vorbildern eingehandelt
hat. Harold Prince begegnet dieser Frage eher verständnislos.
Brecht/Weill sind keine Vorbilder, sie sind schlicht
und einfach eine funktionierende Theaterform. Warum
diese nicht nutzen, wenn es denn die Sache weiterbringt?
Das ist natürlich ein zutiefst amerikanischer
Gedanke, die Denkweise eines Einwanderungslandes. Alles,
was funktioniert, wird integriert. Was nicht funktioniert,
fliegt raus. Nun ist Harold Prince kein Mann der ersten
Musical-Generation, die dieses Verfahren erfunden und
damit in unglaublicher Unbefangenheit aus allen möglichen
europäischen Einflüssen erst das Vaudeville
und dann das amerikanische Musical geschaffen hat.
Aber als Assistent der Broadwaylegende George Abbot
dürfte er wie kaum ein zweiter seiner Generation
direkten Zugriff auf die Erfahrungen dieser Männer
der ersten Stunde gehabt haben.
Deren Aufbruchwillen und die Überzeugung, daß das
Musical ein zutiefst lebendiges Medium ist, das jede
nur mögliche Grenzerweiterung zuläßt,
hat Harold Prince offensichtlich tief verinnerlicht.
In einer Zeit, in der nach Rodgers und Hammerstein
Lerner und Loewe zurück zur Operette a la Romberg
gehen und Jerry Herman anfängt, die Extravaganzen
der Ziegfeldfollies mit notdürftigen Handlungssträngen
zu versehen, erinnert sich Harold Prince lieber an
die erste Musicalbearbeitung eines Shakespearestoffes,
die fünfzehn Jahre zuvor Musicalneuland entdeckt
hatte: Rodgers und Harts „The Boys from Syracuse“.
Daß aus dieser Kernidee, Shakespeare für
den Broadway zu erobern, gleich zwei so unterschiedliche
Projekte wie die „West Side Story“ und „ Something
funny happened on the way to the Forum“ entstanden,
spricht ebenso für die künstlerische Neugierde
des jungen Produzenten wie für seine Fähigkeit,
zweigleisig zu denken.
Hier die Idee der Bearbeitung eines klassischen Stoffes,
aber so modern und sozial aufgeladen, daß das
Endergebnis mit dem Originalstoff wenig mehr als die
Dramaturgie gemein hat, dort die liebevolle Hommage
an des Genre des Vaudevillemusicals mit all seinen
Abstrusitäten und Albernheiten. Daß er mit
der hochmodernen „West Side Story“ einen
der größten Musicalkomponisten in die Welt
der Klassik verabschiedet und mit dem altmodischen „Forum“ den
zukunftsträchtigsten Musicalkomponisten am Broadway
einführt, entbehrt nicht einer gewissen künstlerischen
Ironie, spricht aber einmal mehr für Princes unorthodoxe
Neugier und führt beide Werke zum verdienten Erfolg.
Daß die „West Side Story“ im Jahr
ihres Entstehens nicht als bestes Musical ausgezeichnet
wurde, scheint im Rückblick unglaublich. Sondheim
wird dieses Schicksal 1984 noch einmal widerfahren,
wenn eines seiner mutigsten Werke, „Sunday in
the Park with George“, den Tony an Jerry Hermans
wesentlich konventionelleres „Cage aux Folles“ verliert.
Das sagt einiges über die Risikobereitschaft des
Broadways aus und wenig über die Langlebigkeit
seiner Erfolge.
Harold Prince wird der Erfolg dennoch Bestätigung
genug gewesen sein. Zumindest genug, um von da an den
Glauben nicht mehr zu verlieren, daß Musical
alles erzählen kann und daß es für
dieses Genre keine ästhetischen oder inhaltlichen
Grenzen gibt. Eine Entdeckung, der wir Deutschland
offensichtlich immer noch äußerst mißtrauisch
gegenüber stehen.
She loves me
Jeder Mensch, der in New York zum Musical will, muß mindestens
einmal im Leben seinen Lebensunterhalt als Kellner
oder als Verkäufer bestreiten. Harold Prince ist,
soweit ich weiß, darum herum gekommen. Ich nicht.
Während ich im Herbst 1989 darauf wartete, daß irgendein
Theater mein Buch vom „Spielverderber“ nimmt,
stand ich zwei Monate bei Karstadt in der Schallplattenabteilung
und durfte den Stand mit den Sonderangeboten betreuen.
Eine schreckliche Zeit, die den einzigen Vorteil hatte,
das man stundenlang nach Schnäppchen im eigenen
Sortiment stöbern konnte. Musicalplatten verirren
sich in Deutschland selten auf den Grabbeltisch, aber
ich wurde trotzdem fündig: Die Original Cast Aufnahme
von „She loves me“, für ganze drei
Mark. So billig bin ich nie wieder an ein großartiges
Musical gekommen.
Erst viel später habe ich erfahren, daß dieses
Stück, welches zu Harold Princes Lieblingsproduktionen
gehört, damals am Broadway nicht den erhofften
Erfolg hatte, was ich bis heute nicht begreife. Was
ich auf der Aufnahme höre, ist eine Kette von
wunderbar clever komponierten Nummern, jede für
sich ein brillantes Charakterstück, das Person
und Situation in drei Minuten auf den Punkt bringt.
Und damit ganz hervorragendes Auditionsmaterial, das
ich meinen Studenten immer wieder wärmstens empfehle.
Aber auch die Geschichte gefällt mir. Die Idee,
eine musikalische Komödie ohne jede Überhöhung
in einem ganz konkreten und realen Setting spielen
zu lassen, ist nicht ohne Risiko. Musik macht alles
größer, breiter und oft auch schöner
als im wahren Leben, und nicht umsonst spielen die
meisten Musicals bei den Schönen und Reichen,
in Siam oder auf Hawaii, von der Operette ganz zu schweigen.
Was irgendwann dazu führt, daß ein Publikum
von einem Musical, das ausschließlich in einer
Parfümerie spielt, enttäuscht sein mag, weil
diese Parfümerie nicht auf Hawaii liegt.
„She loves me“ erinnert mich im besten
Sinne an die kleinen Boulevard-Operetten von Eduard
Künnecke und Ralf Benatzki, die Anfang der dreißiger
Jahre tapfer versucht haben, diesem Genre noch etwas
anderes abzuringen als Leanderschen Durchhaltewillen
und Rökksche Dauerfröhlichkeit. Das ist ihnen
damals sehr gut gelungen. Vergessen worden sind sie
leider trotzdem. Umso neugieriger habe ich mir diesen
neuerlichen Versuch, kleine Leute überzeugend
singen zu lassen, angeschaut.
Kleine Leute singen zu lassen, ist in Deutschland
nicht einfach. Kleine Leute haben angeblich kleine
Probleme und kleine Gefühle, und beides paßt
nicht so recht zum Musiktheater, wo die Gefühle
gerne drei Oktaven haben sollten. Doch das ist ein
zutiefst deutsches Phänomen. Die Amerikaner haben
nie aufgehört, daran zu glauben, daß auch
der Mensch von nebenan sich musikalisch ausdrücken
kann. Das Genre Musical zieht sogar einen Hauptteil
seiner Kraft daraus, dem normalgroßen Sterblichen
auf der Bühne eine Stimme zu geben. Das war bei
fast allen Sternstunden des amerikanischen Musicals
so, ob mit „Ol‘ Man River“, in „Showboat“ über „Oklahoma“ und „Annie
get your gun“ bis zu „A Chorus Line“ und „Rent“.
Das deutsche Musiktheater hat da eine andere Tradition.
In direkter Linie von singenden Barockkönigen über
Germanengötter bis zur „Csardasfürstin“ scheint
adelige Abstammung eine Voraussetzung für musikalische
Ausdrucksmöglichkeit zu sein, und auch hier ist
die „Dreigroschenoper“ die einzige löbliche
Ausnahme. Aber die ist ja auch ein Kulturimport aus
England.
Einen glaubwürdigen musikalischen Ausdruck für
Menschen von heute zu finden, ist meiner Meinung nach
die existenziellste Aufgabe, wenn man ein modernes
Musiktheater schaffen will. Daß kleine Menschen
keine großen Probleme haben, ist natürlich
nicht wahr. Aber wie drücken sie ihre großen
Gefühle aus, wenn ihnen intellektuell nicht der
entsprechende Hintergrund zur Verfügung steht?
Die Sorgfalt, mit der hier gearbeitet werden muß,
läßt sich an den Stücken von Harold
Prince gut studieren. Dies verläßt natürlich
den eindeutigen Einflußbereich eines Produzenten
und Regisseurs, aber in Anbetracht der Tatsache, daß Prince
eigentlich am liebsten Autor geworden wäre, ist
zu vermuten, daß er sich häufig genug mit
der Angemessenheit von Text und Musik auseinandergesetzt
hat. Die vielen Anekdoten, die es zu diesem Thema gibt,
sprechen jedenfalls dafür.
An dieser Stelle kommt Stephen Sondheim ins Spiel.
Mit kaum einem Autoren und Komponisten hat Harold Prince
so energisch daran gearbeitet, die Grenzen des Genres
zu erweitern, und ich glaube nicht, daß es zu
weit geht, Sondheims Qualität und seine Errungenschaften
auf dem Gebiet des Textens direkt mit Harold Prince
in Beziehung zu setzen. Seit sich Prince und Sondheim
1949 auf der Premiere von „South Pacific“ kennengelernt
haben, sind aus dieser Freundschaft und Arbeitgemeinschaft
die für mich persönlich wichtigsten und prägendsten
Musicals entstanden. Werke, die in ihrer klugen Brillanz,
ihrer dokumentarischen Qualität und ihres künstlerischen
Ernstes wegen einen wirklichen Weg in die Zukunft des
Musicals weisen.
Sondheims Ausführungen zum Schreiben von Lyrics
hat mich sehr beeindruckt. Ähnlich wie Prince
von Abbot, wurde Sondheim von Oscar Hammerstein II
künstlerisch adoptiert und mit einer fundierten
Grundausbildung in Sachen Musical ausgestattet. Gleich
seine erste erfolgreiche Arbeit, zu Sondheims großem
Kummer keine eigene Komposition, sondern lediglich
die Texte zur „West Side Story“, ist ein
Paradestück an Angemessenheit und kluger Unterscheidung
von Alltagssituation und musiktheatralischer Überhöhung.
Wie Sondheim das Kleine mit dem Großen zusammenzwingt
und daraus immer wieder Bilder entwickelt, die in aller
Einfacheit nie simpel werden, hat für mich großen
Vorbildcharkater.
„This World was just an address, becoming now
a star.“ Das ist einfach, berührend, dem
Wortschatz der Figuren angemessen, hat Größe
und auch noch Humor. So komplex in zehn Worten möchte
man auch einmal sein. Und daß Maria in „I
feel pretty“ nach „I feel witty“ auf
keinen Fall noch einmal reimen darf, weil das ein einfaches
puertoricanisches Mädchen sprachlich nicht könnte
und deswegen mit „and gay“ aus dem Reimschema
ausbricht, gehört zu meinen ganz wichtigen Lektionen,
die ich als Texter gelernt habe.
Diesen Anspruch, dem Darsteller in Menschengröße
eine angemessene Sprache und eine Musik zu geben, sähe
ich in Deutschland gerne häufiger erfüllt.
Da wimmelts bei uns von
Fantasygestalten oder Rockbands, die sich selber spielen,
und wenn mal ein Musical über den Mauerbau auf
die Bühne kommen soll, kriegt der junge Mann aus
dem Osten so ziemlich jede Synthie-Geige zur Verstärkung,
derer man habhaft werden konnte. Das macht eine Masse
her, aber sagt ziemlich wenig aus. Natürlich ist
es schwer, für den heutigen Menschen in seiner
postmodernen Beliebigkeit eine definitive Musik zu
finden. Aber Prince und Sondheim ist es 15 Jahre nach
der „West Side Story“ mit „Company“ fulminant
gelungen. Es geht also. Man muß es bloß üben.
I feel a song coming up
Zwischen „She loves me“ und „Company“ liegen
sieben Jahre. Trotzdem hat man das Gefühl, diese
beiden Musicals stammen aus völlig verschiedenen
Zeiten. Die musikdramaturgischen „Entdeckungen“,
die Prince in diesen wenigen Jahren mit seinen sehr
unterschiedlichen Teams gemacht hat, haben das Musical
in sehr kurzer Zeit sehr weit vorangebracht. Woran
liegt das?
Harold Prince hatte das Glück des Tüchtigen,
mit sehr unterschiedlichen Autorenteams zu arbeiten.
Und eine seiner großen Qualitäten dürfte
es sein, jedes dieser Teams dramaturgisch völlig
verschieden einzusetzen. Während er mit Bock und
Sheldon und deren Talent zum geraden, volkstümlichen
Ton den „Fiddler on the Roof“ als klassisches
Bookmusical in der Tradition von Rodgers und Hammerstein
zum Welterfolg machte,
ermutigte er Stephen Sondheim nach dem Flop von „Anyone
can whistle“ dazu, weiter an aktuellen Stoffen
zu arbeiten, eine weitsichtige Entscheidung, deren
künstlerische Risikobereitschaft mit „Company“ und „Follies“ schließlich
reichlich belohnt wurde.
Mit seinem dritten Team, Kander und Ebb, mit denen
er 1963 das ebenfalls noch konventionelle Bookmusical „Flora,
the red Menace“ produziert hatte, verfuhr Prince
anders.
Hatten sowohl Bock als auch Sondheim ihren jeweils
sehr eigenen, aufrichtigen und menschlichen Ton für
ihre Figuren gefunden, sind Kander und Ebb, ähnlich
wie Jerry Herman, zwar großartige Hitlieferanten,
zeichen mit ihren Songs aber kaum Bühnencharaktere
und sind musikalisch definitiv in den späten zwanziger
Jahren stecken geblieben. Ihr größten Erfolge
sind deutliche Hommagen an eine Zeit des Broadways,
die in der Dekade von „Hair“ und „A
Chorus Line“ völlig unzeitgemäß wirken.
Wie Harold Prince dieses Defizit erspürt und durch
Stoffwahl und Musikdramaturgie zum künstlerischen
Vorteil ummünzt, ist beeindruckend. Und ganz nebenbei
erfindet er eine neue Form des Musiktheaters - das
Concept Musical.
Der Einsatz der Songs in „Cabaret“ ist
ebenso naheliegend wie revolutionär. Die Entscheidung,
die Musik auf zwei Ebenen, auf der privaten der handelnden
Personen und auf der kommentierenden des Conferenciés,
einzusetzen, erscheint im Rückblick so einleuchtend,
daß man sich wundert, wie lange Prince mit seinem
Autorenteam gerungen hat, um für „Cabaret“ diese
letztendlich so erfolgreiche Form zu finden.
Natürlich haben Kander und Ebb gemeinsam mit
Harold Prince diese Art, Songs unterschiedlich einzusetzen,
nicht erfunden. Auch in den klassischen Musicals
kann man grundsätzlich zwischen emotionalen
und kabarettistischen Nummern unterscheiden, und
spätestens seit Brecht ist das kommentierende
Lied fester Bestandteil der Musiktheaterdramturgie.
Aber vielleicht müssen solche latent vorhandenen
Möglichkeiten immer erst in einem Werk quasi
in Reinform umgesetzt werden, um ihrer wirklichen
Optionen gewahr zu werden. Dies ist in „Cabaret“ geschehen.
Diese Technik der zwei Ebenen schafft mehr als die
Summe ihrer Teile. Nicht allein, daß der jeweilige
Ebenenwechsel die Spannung erhöht und die Geschichte
dadurch komplexer erzählt werden kann. Auch die
einzelnen Nummern profitieren davon, daß sie
dramaturgisch durch die nächste Nummer wieder
konterkariert werden. Am deutlichsten wird das bei
dem Titelsong des Musicals, der als Nummer für
sich genommen eine schlichte Durchhaltehymne aus der
Welt des Showbiz ist und von allen möglichen Alleinunterhalterinnen
auch gerne so dargeboten wird. Wenn man weiß,
daß dieses Lied sich auf Sally Bowles soeben
erfolgte Abtreibung bezieht, bekommt die ganze Nummer
einen doppelten Boden, der in keiner Weise in der Musik,
sondern ausschließlich in der Story, und in Harold
Princes originaler Regie, zu finden ist.
Harold Prince hat dem Musical durch diese Trennung
von Song und Situation ein großes Stück
Neuland erobert, wobei das Wort „Neuland“ nicht
ganz korrekt ist. Die frühen Werke der Gattung
Musical sind häufig Paradebeispiele für künstlerische
Inkongruenz und die daraus erwachsenden erzählerischen
Freiheiten des Musiktheaters. Wenn zum Beispiel Gershwin
seine emotionale Ballade „The Man I love“ mitten
in die grotesken Umstände eines Käsekrieges
zwischen Amerika und der Schweiz plaziert, ist das überaus
unangemessen und entwickelt genau in dem Moment eine
große dramaturgische Kraft. Ob diese wirklich
künstlerisch geplant war oder ob es sich dabei
nicht doch eher um einen musiktheatralischen Zufallsfund
handelt, sei dahingestellt. Harold Prince zumindest
hat die Kraft dieser zwei sich widersprechenden Ebenen
nicht zufällig genutzt, sondern sehr bewußt
in „Cabaret“ eingesetzt, und damit dem
Musical ein Handwerkszeug mit auf den Weg gegeben,
daß aus heutigen modernen Werken kaum mehr wegzudenken
ist.
Die Entscheidung, die Songs in „Cabaret“ in
kommentierende und handlungsbezogene Situationen aufzuteilen,
deutet ein latentes Mißtrauen dem authentisch
singenden Menschen gegenüber an. Endgültig
offensichtlich wird dieses Mißtrauen in der grandiosen
Verfilmung, wo alle handlungstragenden Songs eliminiert
bzw. zur Schellackhintergrundmusik degradiert wurden.
Daß Harold Prince gleichzeitig am Projekt „Company“ arbeitete,
Sondheims erfolgreichem Versuch, moderne New Yorker
auf der Bühne singen zu lassen, beweist einmal
mehr seine Fähigkeit, sich dem Genre Musical von
mehr als einer Seite zu nähern.
„Company“ ist für mich eines der
wichtigsten Musicals der letzten fünfzig Jahre.
Und das um so mehr, da ich dieses Stück, als ich
es das erste Mal in der deutschsprachigen Uraufführung
des Theater des Westens, ganz entsetzlich fand. Mit
Anfang zwanzig mochte ich mich mit der Botschaft dieses
Stückes ganz und gar nicht anfreunden. Die pessimistische
Perspektive, mit dreißig genau so frustriert
und alleine meinen Geburtstag zu begehen, fand ich
empörend negativ, und das camouflagehafte „Being
Alive“, das auf Produzentengeheiß an diesen
gruseligen Großstadtreigen geklebt worden war,
glaubte ich ebensowenig wie wahrscheinlich Stephen
Sondheim selber.
Achtzehn Jahre später kann ich bestätigen,
daß Sondheim mit seiner Diagnose über Beziehungsformen
in der Großstadt mehrheitlich recht behalten
hat, und was 1970 New York bewegt hat, gilt im Jahre
2000 jetzt auch für Berlin. Daß ausgerechnet
ein Musical es schaffen kann, ein so genaues und ehrliches
Tagebuch über eine Zeit zu führen und damit
späteren Generationen zu erzählen, wie es
einmal am Ende des letzten Jahrhunderts bei uns ausgesehen
hat, finde ich eine unglaubliche Leistung. Und ein
solches „Tagebuch“ zu sein, ist für
mich immer noch vornehmste Aufgabe der Kunst. Diese
Aufgabe hat im letzten Jahrhundert fast ausschließlich
der Film übernommen. Ich persönlich freue
mich sehr, daß es mit „Company“ zumindest
ein Werk des Musiktheaters gibt, daß ehrlich
und wahr Auskunft über uns gibt. Weniger freue
ich mich darüber, daß mir außer „Company“ kein
anderes einfällt. „Cats“ wird es bestimmt
nicht sein. „Linie 1“ vielleicht...
Von Katzen und Phantomen
„Cats“ hat Harold Prince nicht produziert.
Das wundert wenig. Wie gesagt, Harold Prince hat eskapistische
Stoffe in seinem Leben ungerne angefaßt, und
meistens gab der Mißerfolg, seinem Instinkt Recht.
Aber nachdem Andrew Lloyd Webber und er sich über
den Welthit „Evita“ kennengelernt hatten, überraschte
Prince die Musicalwelt mit dem für ihn so untypischen „Phantom
of the Opera“. Ein historisches Sujet, in das
man mit viel gutem Willen das Sozialdrama der ausgestoßenen
Kreatur hineinlesen kann, aber wenn man dem Werk und
Prince einen Gefallen tun will, läßt man
das lieber bleiben.
Musicalpuristen auf der ganzen Welt teilen sich säuberlich
in Webberianer und Sondheimerianer, und dies ganz besonders
sorgfältig in Deutschland. Daß nun ausgerechnet
die Musicalikone Harold Prince sich um diesen Glaubenskrieg
keinen Deut schert, zeugt einmal mehr von Princes wunderbar
breitem Horizont, der den der übrigen Branche
nur um so enger erscheinen läßt.
Dabei ist es so naheliegend, daß ein Künstler
wie Harold Prince sich Andrew Lloyd Webbers naiven
Glauben an den singenden Menschen nicht entgehen läßt.
Ob das nun das Auge des Produzenten ist, das die Erfolgschancen
des Melodikers Webber richtig einschätzt oder
ob es den Künstler Prince gejuckt hat, an die
Form des Musiktheaters anzuschließen, die er ähnlich
pur das letzte Mal mit „Fiddler“ auf die
Bühne gebracht hatte, und für die ihm mit
Sheldon Harnicks Tod das adäquate künstlerische
Team zerbrochen war, sei dahingestellt.
In jedem Fall ist Princes Zugriff auf „Phantom“ wie
immer stilsicher und angemessen. Diesmal bedient er
sich nicht bei Brecht, Sondheim scheint Lichtjahre
entfernt und „Cabaret“ hat es offenbar
nie gegeben. Zielsicher steuert Prince mitten ins neunzehnte
Jahrhundert, plündert den kompletten Brarockbühnenfundus
und läßt den berüchtigten Kronleuchter
aufs Publikum los. Den Bustouristen gruselts wohlig,
und der Prince-Fan schaudert ebenfalls, wenn auch aus
etwas anderen Gründen. Den Meister dürfte
beides gleichermaßen freuen.
Einmal mehr hat Harold Prince bewiesen, daß er
sich nicht in eine Schublade stecken läßt.
Und auf daß dieser Eindruck erhalten bleibt,
meldet sich Prince danach mit einem fast schon doyenhaften „Show-Boat“-Revival
sowie dem neuen Shootingstar Jason Brown und seinem
dunklen Musical „Parade“ an den Broadway
zurück. Mister Prince ist nicht zu fassen.
Back to Berlin
Mister Prince ist nicht zu fassen. Der Eindruck bestätigt
sich, nachdem wir den Meister zwei Tage live in der
Neuköllner Oper erleben durften. Scheinbar rundum
zufrieden mit sich und der Welt, sitzt Harold Prince
trotz beunruhigender Nachrichten über die kanadischen
Tryouts seines neuen Sondheim-Musicals auf dem Podium
und läßt sich von seinem Biographen Foster
Hirsche Begebenheiten aus seinem Leben soufflieren,
die er allesamt in höchst lehrreiche und amüsante
Anekdoten verwandelt. Schwierigkeiten scheint es nur
gegeben zu haben, um sie zu überwinden. Jeder
Flop war im allerschlimmsten Fall der Anlaß zu
dem folgenden, noch größeren Hit, und wenn
man es nicht besser wüßte, käme man
fast zu der Überzeugung, der einzige Schlüssel
zum künstlerischen Erfolg sei die geradezu homerische
Gelassenheit, die Harold Prince ausstrahlt.
Einer der Schlüssel zu seinem Erfolg ist diese
Gelassenheit bestimmt. Princes Begabung lag immer auch
darin, die richtigen Leute in den richtigen Projekten
zusammenzubringen. Daß er als Produzent über
die nötigen Mittel und als Mensch über die
nötige Ruhe und das nötige Charisma verfügte,
ist ein Glück gewesen für das Musical. Aber
das kann man leider nicht lernen, und so lehnen wir
Professionellen im Publikum uns mit leisem Bedauern
zurück und versuchen, nicht allzu neidisch auf
diese unglaubliche Biographie zu sein.
Aber Princes Persönlichkeit ist nicht der einzige
Schlüssel; Sein unverrückbarer Glaube an
die Möglichkeiten des Genres, sein künstlerischer
Horizont, der in seinem umfassenden Wissen über
das Musical und das Theater an sich begründet
liegt und immer wieder sein Mut und sein Wille, heutig
zu erzählen - das sind Eigenschaften, die man
sich sehr wohl bei diesem „Grand Old Man“ des
Broadways abgucken kann. Man kann sie keine Sekunde
nachmachen, sondern muß sie jeden Tag neu finden
und erobern, und das, was wir dabei vielleicht finden
werden, wird nie im Leben so aussehen wie das, was
Harold Prince in den letzten fünfzig Jahren gefunden
hat. Aber wenn man diese drei Koordinatenachsen beherzigt:
Musiktheater hat eine Geschichte, Musiktheater hat
eine Gegenwart, und Musiktheater hat eine Glaubwürdigkeit
- dann wäre für das deutsche Musical schon
viel gewonnen.
Große Worte, die sich ein Harold Prince mit
seinen mindestens zehn Welterfolgen ruhigen Gewissens
leisten kann. Einem selber wird bei solchen Beschwörungen
fast schon mulmig. Schließlich geht es hier doch
nur um Musical. Aber auch das kann man von Harold Prince
lernen: Die Überhöhung in die Kunst muß man
zuallererst einmal wagen, bevor man an ihr scheitert.
Und auch darin ist Prince ein wahrer Meister: Ohne
Scheu vor Ideologie und großen Worten hinein
ins Abenteuer, relativieren kann man hinterher immer
noch. Warum auch nicht? Dafür spielen wir Theater.
Und das tun wir jetzt auch. Das Symposium ist zu Ende,
und zum krönenden Abschluß gibt es noch
eine Vorstellung: „Panik Sound Club“, unsere
letzte Uraufführung, die sich ihre Dramaturgie
bei „Company“ ausgeliehen und ihre Simultanbühne
bei „Cabaret“ geklaut hat.
Und was macht Harold Prince? Er guckt zu. Aber wie!
Wenn er etwas nicht verstehen sollte, merkt man es
ihm zumindest nicht an. Wenn er etwas nicht sehen kann,
wechselt er in Windeseile den Platz. Und ob ihm etwas
gefällt oder nicht, merkt man auf zehn Meter Entfernung.
Gott sei Dank gefällt ihm ziemlich viel. Harold
Prince ist trotz Übersseflug, Schlafentzug und „Bounce“-Endproben
hellwach. Und neugierig. Mein Gott, ist dieser Mann
neugierig.
Ob Harold Prince in den letzten zwanzig Jahren ein
Vorbild für mich war, kann ich nicht sagen. Ich
weiß nur, daß seine Arbeit immer wieder
eine Qualität erreicht hat, an der sich zu messen
mich immer wieder weitergebracht hat. Und in einem
ist er seit seinem Besuch in der Neuköllner Oper
absolut ein Vorbild. So neugierig möchte ich mit
fünfundsiebzig auch noch sein.
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