Hänsel und Gretel
von Engelbert Humperdinck
 

Hänsel und Gretel ist bestimmt mit Abstand das grausamste Märchen der Gebrüder Grimm. Von der Stiefmutter schlecht behandelt zu werden, ist schon schlimm genug. Aber von der eigenen Mutter zum Verhungern in den Wald geschickt zu werden - das ist eigentlich unvorstellbar.

Adelheid Wette hat diese Geschichte im besten Biedermeiersinn entschärft. Pädagogisch soll das Wirken der Eltern sein, einen Schreck soll die ungezogene Brut bekommen - und was man sich sonst noch so im damaligen Bayreuth an schwarzer Pädagogik ausgedacht hat. Und das alles von Engelbert Humperdinck in gottgefällige Musik gepackt, die angeblich Kindern die Oper nahebringen soll. Ein vetracktes Stück Musiktheatergeschichte.

Mittlerweile sind wir ein gutes Stück weiter, was kindliches eigenes Denken betrifft, und Humperdinck möge es uns verzeihen, wenn wir uns in dieser Inszenierung eher bei Astrid Lindgren bedient haben als bei Frau Wette. Alleingelassen werden Hänsel und Gretel auch bei uns; fiese abgeschlossen haben die Eltern die Haustür und lassen die Kinder mit der gruseligen Hexengeschichte allein. Aber Hänsel und Gretel setzen sich zur Wehr. Den Wald bauen sie sich selber; und erspielen sich Hexe, Taumann und viele, viele schützende Engel; von Schneewittchen bis Supermann. Die Phantasie ist immer noch größer als die Angst, und so wird am Ende auch die Hexe besiegt. Und wenn die Eltern schließlich wieder die Tür aufsperren, ist das Selbstvertrauen ein gutes Stück größer geworden; und das Vertrauen in die Eltern ein gehöriges Stück kleiner.

 
 
 

 

 

R: Peter Lund
BB+BK:Claudia Doderer


Premiere
November 1999
Landestheater Innsbruck