Hänsel
und Gretel ist bestimmt mit Abstand das grausamste Märchen
der Gebrüder Grimm. Von der Stiefmutter schlecht behandelt
zu werden, ist schon schlimm genug. Aber von der eigenen
Mutter zum Verhungern in den Wald geschickt zu werden - das
ist eigentlich unvorstellbar.
Adelheid Wette hat diese Geschichte im besten Biedermeiersinn
entschärft. Pädagogisch soll das Wirken der Eltern
sein, einen Schreck soll die ungezogene Brut bekommen - und
was man sich sonst noch so im damaligen Bayreuth an schwarzer
Pädagogik ausgedacht hat. Und das alles von Engelbert
Humperdinck in gottgefällige Musik gepackt, die angeblich
Kindern die Oper nahebringen soll. Ein vetracktes Stück
Musiktheatergeschichte.
Mittlerweile sind wir ein gutes Stück weiter, was kindliches
eigenes Denken betrifft, und Humperdinck möge es uns
verzeihen, wenn wir uns in dieser Inszenierung eher bei Astrid
Lindgren bedient haben als bei Frau Wette. Alleingelassen
werden Hänsel und Gretel auch bei uns; fiese abgeschlossen
haben die Eltern die Haustür und lassen die Kinder mit
der gruseligen Hexengeschichte allein. Aber Hänsel und
Gretel setzen sich zur Wehr. Den Wald bauen sie sich selber;
und erspielen sich Hexe, Taumann und viele, viele schützende
Engel; von Schneewittchen bis Supermann. Die Phantasie ist
immer noch größer als die Angst, und so wird am
Ende auch die Hexe besiegt. Und wenn die Eltern schließlich
wieder die Tür aufsperren, ist das Selbstvertrauen ein
gutes Stück größer geworden; und das Vertrauen
in die Eltern ein gehöriges Stück kleiner.
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